Warum braucht es Women in Tech? Ein ökonomischer Blickwinkel

In Deutschland sind vor allem Frauen von Altersarmut betroffen, nicht mehr als 10 Prozent der heute 30 bis 50-jährigen Frauen verdienen mehr als 2000 Euro netto pro Monat. Wenn man nun von einer optimistischen Rente von 60 Prozent dieses Gehalts ausgeht, bleiben einer zukünftigen Rentnerin nach Steuern wohl nicht allzu viel mehr als die bislang heiß debattierte Grundsicherung aka das bedingungslose Grundeinkommen. Ein Leben lang gearbeitet und nicht viel dabei rumgekommen? Nicht so gut.

Zugleich gibt es einen großen Markt gutbezahlter Berufe, die technische Kenntnisse voraussetzen. Ein Ingenieurs- oder Informatikstudium oder eine Ausbildung zur Technikerin bieten eine solide und langfristig nachgefragte Existenz. Gehälter beginnen bei 50 000 Euro brutto pro Jahr, nicht selten lassen sie sich aufs doppelte steigern. Als Selbstständige oder Unternehmerin stehen die Weichen noch besser.

Zudem gibt es durchaus eine große Anzahl an Unternehmen, die gerne Frauen in technischen Berufen einsetzen würden. Bei gleicher Qualifikation und entsprechendem Einsatz sind die Ampeln also auf dunkelgrün mit extra Bonus geschaltet. Freie Fahrt, auf geht’s! Oder nicht?

 

Wo liegt also das Problem, warum haben wir es mit einer so enormen Geschlechterdiskrepanz in diesen Berufen zu tun?

Frauen tragen in immer mehr öffentlichen Bereichen Verantwortung, sei es durch Führungspositionen in Unternehmen, politischen Ämtern oder als Unternehmerinnen, Influencerinnen oder sonstigen wirksamen Tätigkeiten. Was mittlerweile selbstverständlich erscheint war es lange nicht. Und in vielen Bereichen sind wir in Deutschland auch noch näher an steinzeitlichen Verhältnissen dran als am 21. Jahrhundert. So sind Frauen insbesondere in technischen Ausbildungen, Studiengängen, Berufen und entsprechenden Spitzenpositionen noch deutlich unterrepräsentiert. Der Wandel hin zu mehr Diversität gelingt schleppend und wird von vielen Seiten in Frage gestellt, manchmal geradezu blockiert.

Vor allem mangelt es am entsprechend sichtbaren „Angebot“ an fähigen Frauen, die können, wollen und hinkommen. Von staatlicher Seite wird viel getan. Ein Fördertopf hier, ein kostenloses Bildungspaket dort. Hier ein Netzwerk, da ein Verein, so viele Papiere die geschrieben werden. Und doch geht es nur langsam voran.

Im Gegensatz zu anderen Ländern wie Frankreich oder Schweden herrscht in Deutschland in vielen Köpfen ein sehr starres Denken vor. Bei Männern und bei Frauen. Schnell kommt das Argument mit Teilzeitarbeit der Frau, eine(r) muss sich ja ums Kind kümmern. Für viele Frauen scheint es weiterhin selbstverständlich einen größeren Part zu übernehmen, Männern wird sonst gerne das Weicheiertum unterstellt. (Mein ehemaliger Chef am Fraunhofer wurde beispielsweise von seinen Kollegen für die gleiche Aufteilung der Elternzeit ausgelacht, ein anderer Chef bei einem großen Energiekonzern hatte nicht mal Zeit bei der Geburt des eigenen Kindes dabei zu sein). Der Mann verdiene ja mehr, steuerlich mache es Sinn, eine Mutter gehöre zum Kind (oder andersrum?). Blablabla…Immer die gleiche Leier. Es ist verständlich, nachvollziehbar und doch aus Sicht einer Ökonomin ungerecht.

Für eine Karriere oder ein gutes Gehalt braucht es den entsprechenden zeitlichen Einsatz. Wer nicht gerade geerbt hat erwirbt dies im Laufe der Zeit. Zeit mit Kindern wird dabei nur verrechnet, wenn man einen entsprechenden Beruf ergreift, wo wir wieder am Anfang des Textes stehen.

Warum sollte denn nicht alles beim Alten bleiben dürfen? Warum benötigen wir denn so dringen ein Umdenken? Wem wollen wir es denn unbedingt recht machen? Ganz einfach: uns selbst. Wir wollen eine langfristig stabile und gesunde Gesellschaft in der sowohl Frauen wie Männer zu unserem selbst geschaffenen Wohlstand beitragen. Und wir wollen alle an der Lösung globaler Herausforderungen wie dem Klimawandel, der Globalisierung oder der Digitalisierung partizipieren, die Forschung an und die Lösung von Krankheiten sind nur mit einer entsprechend technischen Bildung lösbar.

Frauen haben dazu seit Jahrhunderten einen wesentlichen Beitrag in der Wissenschaft geleistet, wenn auch nicht immer sichtbar. Man denke an Marie Curie, Ada Lovelace, Angela Merkel oder jede Frau, die sich heute auf den Weg macht diese Welt zu einer wissenden und besseren zu machen. Es mag pathetisch klingen, aber der Weg dorthin war selten einfach. Bis in die 1960er Jahre durften Frauen nicht ohne die Erlaubnis ihres Mannes arbeiten. Auch heute noch kennt jede Frau, mit der ich in den vergangenen Jahren über dieses Thema gesprochen habe mindestens eine eigene Geschichte zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz. Und ja, wir sind an den wichtigen Stellen immer noch unterrepräsentiert, auch wenn sich vieles mit der Zeit zum Guten wendet.

Je mehr Frauen relevante Positionen in unserer Gesellschaft besetzen, desto weniger Raum ist für eine entsprechende Diskriminierung. Nicht um gegen das andere Geschlecht zu arbeiten, sondern um Seite an Seite konstruktive Lösungen zu finden, die mehr als einer Perspektive standhalten. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft eine sicherere und nachhaltigere wird, wenn mehr Frauen systemrelevante Berufe ergreifen. Dazu gehören insbesondere auch jene mit technischem Wissen.

Es geht also nicht darum individuelle Lebenswege in Frage zu stellen oder die grundsätzliche Arbeitsaufteilung in einer Partnerschaft anzuzweifeln. Sondern es geht darum den Weg für jede individuelle Entscheidung zu ebnen, Frauen den Weg in gut bezahlte Jobs zu zeigen und diese nicht nur in der Theorie am gesellschaftlichen Wohlstand aus eigener Kraft teilhaben zu lassen.

 

Ok und nun bitte die Lösung zu diesem Dilemma?

Ich habe in den vergangenen 3 Jahren mit sehr vielen Menschen darüber gesprochen. Mit StudentInnen, LehrerInnen, ProfessorInnen, UnternehmerInnen, AngestelltInnen in Führungspositionen und vielen mehr. Mit Frauen und Männern, Transsexuellen, Schwulen, Lesben, Heten, mit Menschen verschiedener Hautfarbe und Religion. Am meisten habe ich mit Frauen darüber gesprochen, insbesondere jenen, die meist alleine in einem Team von Techies unterwegs sind. Es kamen sehr ähnliche Geschichten von Diskriminierung und Ausgrenzung. Aber auch schönen Momenten. Viele waren froh, dass es einen Raum des Austausches gab.

Konnten sie mir die Frage nach dem Warum beantworten? Zum Teil. Weil viele eben immer schon so waren wie sie sind, hatten sie meist bis zum Studienabschluss keinerlei Probleme auf ihrem Weg. Erst im Berufsalltag ging es dann los mit den kleinen Schikanen, mit den Sprüchen der Kollegen oder den unausgesprochenen Wahrheiten beim Positionsschubsen. Viele erzählten auch, dass sie schon von klein auf ein geschlechterneutrales Spielen gewohnt waren, oder insbesondere von Vater motiviert wurden sich auch mit Themen wie Technik zu beschäftigen. Die fördernde, wohlmeinende Beziehung zu den Eltern stand immer wieder zur Diskussion, aber auch jene zu bestimmten LehrerInnen, ProfessoreInnen oder anderen MentorInnen. Vielen waren Geschlechterrollen auch einfach egal, sie gingen einfach ihrer Leidenschaft nach.

Was ist nun mit jenen Frauen, denen diese Rollen nicht egal sind? Oder solchen, die ihre Leidenschaft noch nicht gefunden haben und sich noch entscheiden müssen (zwischen dem konformen und dem „anderen“ Weg)? Die in einem Umfeld leben, das es ihnen erschwert technische Berufe zu ergreifen oder mit ihrem Wunsch vernünftiges Geld zu verdienen?

 

Man kann das Thema von verschiedenen Saiten aufziehen:

Man könnte eine staatliche Quote fordern, einen Mindestlohn für bestimmte Berufe oder eine Pflichtbesetzung bestimmter Positionen mit Frauen. Damit wäre das Problem mit gedrucktem Geld und Staatsgewalt erschlagen. Nicht so schnell aber das Bild in den Köpfen der Menschen davon, was Frau darf und kann und was nicht.

Man könnte alternativ hoffen, dass Frauen von sich aus besser bezahlte Berufe ergreifen, egoistischer mit ihrer Zeit umgehen lernen und mehr Geld fordern für gleiche Leistung. Das bedeutet zugleich, dass jede Frau bei sich selbst beginnen muss, dazulernt, eigene Glaubenssätze aus der Vergangenheit hinterfragt und sich anpasst. Stichwort Eigenverantwortung und Selbstbewusstsein.

Man könnte in den Schulen beginnen und dort ein anderes Geschlechterbild vermitteln. Angefangen bei Lehrerinnen, die Physik, Mathe oder Biologie unterrichten. Oder bei Schülerinnen, denen Informatik schmackhaft gemacht wird, indem bestimmte Spiele oder Themen auf ihre Sicht angepasst werden. Wenn Lehrerinnen in Führung gehen bei digitaler Bildung oder technischen Know-How würde sich wohl so manches Weltbild frühzeitig anpassen.

Man könnte bei der elterlichen Erziehung ansetzen. Mädchen, die gut in Sprachen sind und mit Menschen umgehen können, sind nicht automatisch für einen „sozialen“ Beruf prädestiniert. Genauso gut könnten sie LKW-Fahrerin, Pilotin, Softwarententwicklerin oder Vorstandsvorsitzende eines globalen Tech-Konzerns werden. Oder was auch immer sie verdammt nochmal werden wollen. Es sind eher die Erwachsenen, die sich von ihren Prägungen lösen sollten, als dass Kinder sich ihren anzupassen haben oder ihnen gar nacheifern.

Man könnte bei den Medien ansetzen ein modernes Geschlechterbild zu zeigen. Frauen wie selbstverständlich in technischen Berufen darzustellen, in Filmen, Serien, TV-Shows und ähnlichem, das wäre zeitgemäß. Influencerinnen, die Computer cool finden statt nur Make-Up, YouTuberinnen die über Luft- und Raumfahrt oder den besten Code für ihre Lieblings-App quatschen. Mädchen, die Wissen cool finden und dieses anwenden wollen gibt es genug. Diese auf diesem Weg zu bestärken statt Ihnen Fastfood von den immer gleichen Promis und Models vorzusetzen wäre geradezu disruptiv.

„Man“ könnte vieles tun. Letztendlich bleibt es bei einem selbst aktiv zu werden, in sich hineinzuhorchen, was man wirklich will und nachzuforschen welche Einflüsse man von außen an sich heranlässt. Einen technischen Beruf zu ergreifen ist sicherlich keine schlechte Wahl, denn er bietet ein stabiles Einkommen, Sicherheit und langfristige Perspektiven. Oder man wird halt YouTuberIn. Oder beides. Ist auch egal. Macht was ihr wollt.

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