Interview mit Sandra Becker, Dozentin für App-Entwicklung

WIT: Hallo Sandra, bitte erzähle uns doch einmal kurz von dir persönlich? Was machst du beruflich?

Sandra: Ich bin Leiterin der Medienwerkstatt im Kulturwerk des bbk berlin und Dozentin für App-Entwicklung an der Freien Universität, außerdem Künstlerin und Designerin sowie IT-Doktorandin.

WIT: Was genau versteckt sich hinter dieser Berufsbezeichnung?

Sandra: Als Leiterin bin ich vor allem Projektmanagerin, Planerin und Entwicklerin. In medienkünstlerischen Produktionen bin ich mit immer neuen technischen Herausforderungen konfrontiert, löse diese, setze um und berate auch viel.

WIT: Wie bist du dazu gekommen einen technischen Beruf zu wählen?

Sandra: In der Schule war ich in Mathe Klassenbeste. Als wir auf unsere berufliche Eignung getestet wurden kam bei mir mathematische und naturwissenschaftliche Begabung heraus. Aber damals hat das bei Mädchen niemand interessiert und es gab Null Förderung und Unterstützung. Ich selbst habe mich für Kultur, Raum und Philosophie interessiert sodass ich zunächst diesen Weg einschlug und mich dann zur Bühnenbildnerin ausbilden liess. Später bin ich in die Medienkunst gegangen und habe sehr früh mit digitalen Medien gearbeitet.

WIT: Wer oder was hat dich am meisten inspiriert einen technischen Beruf zu wählen?

Sandra: Ich denke, es war vor allem meine damalige Professorin an der Universität der Künste, die mir so selbstverständlich den Zugang und Umgang mit technischen Medien vermittelte. Ich war  ehrgeizig und erfolgreich. Es macht viel Spaß.

WIT: Hat dich Technologie und Programmieren schon immer interessiert?

Sandra: Eigentlich schon, aber nicht immer habe ich mich getraut.

WIT: Haben deine Eltern und Lehrer deine Vorliebe und dein Interesse für Computer gefördert?

Sandra: Nein. Ich bekam nicht mal viel Lob. Meine 1 in Mathe wurde als etwas normales bei mir einfach so hingenommen.

WIT: Was gefällt dir an deiner Tätigkeit am meisten?

Sandra: Es gefällt mir, dass ich gefordert bin und dauernd dazu lerne. Das Gebiet ist sehr abwechslungsreich.

WIT: Was ist für dich das Schönste an deinem Arbeitsalltag?

Sandra: Ich liebe die wenigen jungen Studentinnen in meinen Kursen, die so tolle Apps bei mir entwickeln. Das macht richtig Spaß. Erst trauen sie sich nicht und dann kommen die tollen Ergebnisse.

WIT: Wo findet man dich in der Freizeit am ehesten?

Sandra: Ich bin aktive Wikipedianerin und zudem frauenpolitisch engagiert im geschäftsführenden Vorstand der webgrrls.de.

WIT: Welche Botschaft möchtest du Frauen oder Mädchen mitgeben die sich für Technik interessieren?

Sandra: Sucht euch tolle Vorbilder und verbindet euch. Ihr müsst wissen, dass die Gesellschaft von morgen euch dringend braucht.

WIT: Welchen Ratschlag verfolgst du bis heute?

Sandra: Ruhe bewahren, tief durchatmen, Rückschläge mit Erfolgen kompensieren.

WIT: Welchen Herausforderungen begegnest du als Frau in deinem Beruf?

Sandra: Das Schwierigste ist für mich als Frau noch eine ausreichende Rente aufzubauen, da ich komplett alleine meinen Sohn groß ziehen musste. Das ist und war  teuer für mich und sehr anstrengend. Die Bezahlung entspricht leider nicht meiner Qualifikation. Als Frau ist es ab einem bestimmten Punkt schwer voran zu kommen. Der sogenannten gläsernen Decke bin ich mehrmals begegnet.

WIT: Welche beruflichen Ziele verfolgst du zur Zeit?

Sandra: Zur Zeit bereite ich eine große Ausstellung zum Begriff ”Techne”  in Brasilien vor. Außerdem plane ich für 2020 ein Projekt über Harrassement im Digitalen bei der UNO New York zur CSW64.

Ansonsten wünsche ich mir, dass ich gute Entscheidungen treffe und jetzt wo mein Kind groß ist wieder ein normales Leben haben kann ohne als Automat funktionieren zu müssen.

WIT: Welche Tipps hast du für Bewerbungsgespräche für technische Positionen?

Sich ruhig viel zutrauen. Frauen neigen aufgrund unserer Sozialisation dazu, ihre Fähigkeiten nicht wahrzunehmen. Ich habe häufig erlebt, dass Männer sich als Alleskönner präsentieren. Doch dabei sind sie zumeist geringer qualifiziert.

WIT: Frauen in technischen Berufen sind ja leider noch eine Minderheit. Was sind deine Gedanken mit diesem Thema?

Sandra: Ich versuche das zu ändern aber es ist nicht leicht. Mein Traum wäre, eine Uni zu gründen gezielt für Frauen im technischen Bereich.

WIT: Hast du selbst einen technischen Hintergrund? Wenn ja, wie bist du dazu gekommen?

Sandra: Ich habe technische Medien studiert und vorher noch während und nach dem Abitur im Bereich Theatertechnik gearbeitet.

WIT: Was verbindet dich mit Frauen in der Technik?

Sandra: Frauen in der Technik machen ähnliche Erfahrungen. Da tut es gut, sich auszutauschen und gegenseitig zu fördern.

WIT: Bitte beschreibe eine schwierige Situation, der du in deinem Beruf in der Vergangenheit begegnet bist.

Sandra: Davon gibt es einige. Ich finde es immer schwierig, wenn Mehrarbeit unbezahlt erwartet wird. Meistens bin ich dann schon in einem neuen Projekt. Einmal habe ich über drei Monate nach Auftragsabschluss meinen Lehrauftrag nicht bezahlt bekommen. Es stellte sich heraus, dass noch unzählige zusätzliche Leistungen erwartet wurden wie Beurteilungen schreiben, Hausaufgaben kontrollieren, per Email Probleme lösen etc. Da kam ich richtig in Stress weil ich mit meinem Honorar kalkuliert hatte.

WIT: Wohin möchtest du dich zeitnah beruflich und persönlich weiter entwickeln?

Sandra: Ich möchte wieder selbstbestimmter leben. Als Alleinerziehende habe ich mich oft ausnutzen lassen, beruflich und privat. Das Überleben stand dermaßen im Vordergrund, dass ich mich sehr eingeschränkt habe. Damit möchte ich nun aufhören.

WIT: Hast du selbst einen technischen Hintergrund? Wenn ja, wie bist du dazu gekommen?

Sandra:  Mein Onkel ist Ingenieur. Das fand ich immer spannend obgleich er mir sehr deutlich signalisiert hat, dass das nur für meinen Cousin etwas ist. Aber ich war besser in Mathe als er und so wurde mein Kampfgeist gefördert. Als Kind habe ich immer gerne mit Lego und Technik gespielt. Mir hat es Spaß gemacht, selbst etwas entwickeln zu können.

WIT: Was verbindet dich mit Frauen in der Technik?

Sandra: Oft haben wir ähnliche Interessen und Vorlieben. Auch machen wir ähnliche Erfahrungen und es gibt Kraft sich dazu auszutauschen.

WIT: Wer sind deine persönlichen oder beruflichen Vorbilder (role models)?

Sandra: Ada Lovelace, Grace Hopper, Camille Claudel und Hedwig Dohm.

 

Liebe Sandra, danke, dass du dir für dieses Interview Zeit genommen hast.

Sandra findest du auch bei Twitter @sabe017 und Facebook Sandra Becker

 

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