Interview mit Valerija Music, Physikerin

ca. 12 Min.

WIT: Hallo, Valerija, Bitte erzähle uns doch einmal kurz von dir persönlich.
Valerija: Ich bin Valerija, 32 Jahre alt, promovierte Physikerin und in Hamburg geboren. Meine Großeltern kamen als Gastarbeiter aus Serbien nach Deutschland. Dank ihres Mutes und ihrer harten Arbeit hatte ich das Privileg, in Deutschland mit vielen Chancen und in einem sicheren Umfeld aufzuwachsen.

Ich bin die Erste in meiner Familie, die studiert und promoviert hat. Heute lebe ich gemeinsam mit meinem Mann und unseren beiden Söhnen in Hamburg. Neben meiner wissenschaftlichen Tätigkeit sind meine Familie und meine serbischen Wurzeln ein wichtiger Teil meines Lebens. Sie prägen meine Werte und motivieren mich, Brücken zwischen Kulturen zu bauen.

WIT: Was machst du beruflich?
Valerija: Als promovierte Physikerin bin ich in der Experimentalphysik tätig. Aktuell arbeite ich als Postdoktorandin an der Universität Hamburg im Rahmen des Louise Johnson Fellowships des Exzellenzclusters CUI (Advanced Imaging of Matter).

Mein derzeitiger Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Aufbau eines Röntgenlabors einschließlich eines Diffraktometers. Ziel ist es, die Infrastruktur für hochpräzise Röntgenbeugungsexperimente aufzubauen und für zukünftige Forschungsprojekte nutzbar zu machen.

WIT: Was genau versteckt sich hinter deiner Berufsbezeichnung?
Valerija: Als Experimentalphysikerin bzw. Wissenschaftlerin besteht der Berufsalltag aus weit mehr als der Durchführung von Experimenten. Experimente werden geplant, vorbereitet, aufgebaut, durchgeführt und anschließend ausgewertet. Je nachdem, ob sie im eigenen Labor oder an einer Großforschungsanlage, beispielsweise einem Synchrotron oder einem Freie-Elektronen-Laser, stattfinden, unterscheiden sich Aufwand und Komplexität erheblich.

Zum Arbeitsalltag gehören außerdem Meetings, Fortbildungen, die Kommunikation mit (internationalen) Kooperationspartnern, die Beschaffung von Komponenten sowie die gruppenübergreifende Koordination von Projekten. Auch das Verfassen von Anträgen auf Messzeiten an Großforschungsanlagen und die Einwerbung von Fördermitteln sind häufig Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeit.

Die gewonnenen Erkenntnisse werden analysiert, interpretiert und schließlich in Form wissenschaftlicher Publikationen veröffentlicht. Forschung umfasst damit nicht nur die Arbeit im Labor, sondern ebenso Projektmanagement, Organisation, Teamarbeit, wissenschaftliches Schreiben und die Kommunikation neuer Erkenntnisse.

WIT: Wie bist du dazu gekommen, einen technischen Beruf zu wählen?
Valerija: MINT-Fächer haben mich schon immer besonders interessiert, weil sie für mich greifbar, logisch und fundiert sind. Ich mochte es, Dingen auf den Grund zu gehen, Zusammenhänge zu verstehen und Erkenntnisse nicht nur zu diskutieren, sondern auch nachvollziehbar zu belegen.

Besonders die Physik fasziniert mich, weil sie uns hilft, die Welt ein Stück besser zu verstehen. Gleichzeitig zeigt sie, wie viele Fragen noch offen sind und wie viel es weiterhin zu erforschen gibt. Genau diese Mischung aus Klarheit, Neugier und Entdeckergeist macht die Physik für mich so spannend.

WIT: Wer oder was hat dich am meisten inspiriert, einen technischen Beruf zu wählen?
Valerija: Direkte Vorbilder im Bereich Physik oder Wissenschaft hatte ich nicht. Was ich jedoch von klein auf mitbekommen habe, war der Mut, meinen eigenen Interessen zu folgen – auch wenn sie eher als „typische Jungsthemen“ galten oder in einem männerdominierten Umfeld lagen.

Diesen Mut verdanke ich den starken Frauen in meiner Familie, insbesondere meiner Oma und meiner Mutter. Sie haben mich immer darin bestärkt, das zu tun, was mir Freude bereitet, und mir vermittelt, dass ich alles erreichen kann, wenn ich mit Leidenschaft, Fleiß und Ausdauer daran arbeite. Dieses Vertrauen hat mich auf meinem gesamten Weg begleitet.

WIT: Hat dich Technologie und/oder Programmieren schon immer interessiert?
Valerija: Mein Vater war und ist sehr technikaffin und ein echter Bastler, eigentlich der perfekte Ingenieur. Vermutlich hat er mir schon früh, ohne es bewusst zu merken, die Berührungsängste vor Technik genommen. Es war ganz normal, Dinge auseinanderzubauen, zu verstehen und wieder zusammenzusetzen.

Einen Bezug zum Programmieren hatte ich dagegen überhaupt nicht. Ich komme aus einem Umfeld, in dem niemand programmiert hat. Das erste Mal kam ich im Studium mit dem Programmieren in Berührung. Anfangs war es nicht immer einfach, mit Kommilitoninnen und Kommilitonen mitzuhalten, die schon als Kinder mit ihren Eltern programmiert hatten. Trotzdem habe ich mich nicht entmutigen lassen, sondern Schritt für Schritt dazugelernt.

Heute gehört Programmieren ganz selbstverständlich zu meinem Berufsalltag. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass man nicht schon als Kind programmieren muss, um erfolgreich in den MINT-Fächern zu sein. Mit Neugier, Ausdauer und Bereitschaft zu lernen ist vieles möglich.

WIT: Haben deine Eltern und Lehrer deine Vorliebe und dein Interesse für Technik gefördert?
Valerija: Ich wurde nicht gezielt gefördert, aber immer unterstützt und ermutigt, meinen eigenen Weg zu gehen. Meine Familie hat mir das Vertrauen gegeben, dass ich alles schaffen kann, wenn ich mich dafür einsetze.

Die Initiative ging dabei jedoch immer von mir aus und rückblickend halte ich das für sehr wertvoll. Es waren meine eigenen Entscheidungen, meinen Interessen zu folgen und meinen Weg selbst zu gestalten. Dadurch habe ich gelernt, Verantwortung für meine Ziele zu übernehmen und Herausforderungen aus eigener Überzeugung anzugehen.

WIT: Was gefällt dir an deiner Tätigkeit am meisten?
Valerija: An meiner Tätigkeit gefällt mir vor allem die enorme Vielfalt. Kein Tag ist wie der andere. Mal arbeite ich im Labor, mal werte ich Daten aus, programmiere, plane Experimente, schreibe wissenschaftliche Artikel oder tausche mich mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichsten Fachrichtungen aus.

Besonders schätze ich die interdisziplinäre Zusammenarbeit. In der Forschung kommen Physik, Chemie, Biologie, Informatik, Mathematik und Ingenieurwissenschaften zusammen. Gerade dieser Austausch eröffnet immer wieder neue Perspektiven und führt zu den spannendsten Ideen.

Außerdem liebe ich es, ständig dazuzulernen. Forschung bedeutet, sich kontinuierlich neuen Fragestellungen zu stellen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Genau das macht den Beruf für mich so abwechslungsreich. Es gibt immer etwas Neues zu entdecken und zu lernen. Deshalb fühlt sich meine Arbeit für mich nie wie ein Hamsterrad an.

WIT: Was ist für dich das Schönste an deinem Arbeitsalltag?
Valerija: Das Schönste an meinem Job ist die große Freiheit, die ich bei der Gestaltung meiner Arbeit habe. Natürlich gibt es Meetings, feste Termine und Abgabefristen. Darüber hinaus kann ich jedoch selbst entscheiden, wann und wie ich meine Aufgaben bearbeite.

Diese Flexibilität ermöglicht es mir, meine Arbeit so zu organisieren, wie ich am produktivsten bin. Solange die Aufgaben zuverlässig erledigt werden, genieße ich ein hohes Maß an Eigenverantwortung. Dieses Vertrauen und die Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten, schätze ich besonders an meinem Beruf.

Gerade als Mutter von zwei kleinen Kindern nimmt mir diese Flexibilität enormen Druck. Sie gibt mir die Freiheit, Beruf und Familie besser miteinander zu vereinbaren. Das empfinde ich als großes Privileg.

WIT: Wo findet man dich in der Freizeit am ehesten?
Valerija: Meine Freizeit verbringe ich am liebsten mit meinen Kindern auf dem Spielplatz oder gemeinsam mit meiner Familie zu Hause. Außerdem genieße ich die Zeit mit Freunden, denn gemeinsame Erlebnisse bedeuten mir sehr viel.

Für mich sind Familie und Freundschaften das Wertvollste im Leben. Sie stehen an erster Stelle und geben mir Kraft, Ausgleich und Freude im Alltag.

WIT: Welche Botschaft möchtest du Frauen oder Mädchen mitgeben, die sich für Technik interessieren?
Valerija: Traut euch und geht den Weg, der euch wirklich begeistert. Lasst euch nicht davon abschrecken, wenn ein Beruf oder Studiengang als männerdominiert gilt. Entscheidend ist nicht, ob man eine Frau oder ein Mann ist, sondern die eigene Neugier, Motivation und Freude an dem, was man tut.

Meine Erfahrung ist, dass viele Menschen in der Physik und den technischen Berufen sehr offen, hilfsbereit und wertschätzend sind. Ich habe überwiegend positive Erfahrungen gemacht und mich in der Wissenschaft immer gut aufgenommen gefühlt.

Deshalb möchte ich allen Mädchen und Frauen mitgeben: Vertraut auf eure Fähigkeiten, probiert Dinge aus und lasst euch nicht von Vorurteilen oder Statistiken einschränken. Macht das, was euch Spaß macht; alles andere findet sich mit der Zeit.

WIT: Welchen Ratschlag verfolgst du bis heute?
Valerija: Ein Ratschlag begleitet mich bis heute: Wer es nicht versucht, wird nie erfahren, was möglich gewesen wäre.

Deshalb denke ich mir oft einfach: Just do it. Nicht alles muss von Anfang an perfekt sein. Viel wichtiger ist es, den ersten Schritt zu machen, Chancen zu ergreifen und aus Erfahrungen zu lernen. Selbst wenn etwas nicht gelingt, nimmt man immer etwas Wertvolles mit. Das Schlimmste ist oft nicht das Scheitern, sondern sich später zu fragen, was gewesen wäre, wenn man es einfach versucht hätte.

WIT: Welchen Herausforderungen begegnest du speziell als Frau in deinem Beruf?
Valerija: Als Frau habe ich während meines Studiums und bis zur Promotion persönlich kaum Nachteile erlebt. Anders hat sich meine Situation verändert, seit ich Mutter von zwei Kindern bin.

Die größte Herausforderung ist für mich nicht mein Beruf, sondern die Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Obwohl sich vieles verbessert hat, sind wir gesellschaftlich noch nicht an dem Punkt, an dem beides selbstverständlich und ohne innere Konflikte möglich ist.

Ich arbeite in Teilzeit, weil ich bewusst Zeit mit meinen Kindern verbringen möchte. Diese Entscheidung fühlt sich für mich richtig an, trotzdem begleitet mich manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn ich das Büro bereits am frühen Nachmittag verlasse. Dabei frage ich mich oft: Warum eigentlich? Ich erfülle meine Aufgaben, arbeite effizient und übernehme Verantwortung. Trotzdem wird Anwesenheit häufig noch stärker wahrgenommen als Ergebnisse.

Ich wünsche mir, dass wir künftig selbstverständlicher akzeptieren, dass unterschiedliche Lebensmodelle gleichwertig sind. Gute Arbeit sollte an ihrer Qualität gemessen werden und nicht daran, wie viele Stunden jemand im Büro verbringt.

WIT: Welche Tipps hast du für Bewerbungsgespräche für technische Positionen?
Valerija: Mein wichtigster Tipp ist, sich gut über das Unternehmen und die ausgeschriebene Position zu informieren. Wer versteht, womit sich das Unternehmen beschäftigt und warum die Stelle interessant ist, kann im Gespräch viel gezielter überzeugen.

Genauso wichtig ist es, authentisch zu bleiben. Man muss nicht auf jede Frage die perfekte Antwort haben. Viel entscheidender sind echtes Interesse, Begeisterung für die Aufgaben und die Bereitschaft, Neues zu lernen.

WIT: Frauen in technischen Berufen sind ja leider noch eine Minderheit. Was sind deine Gedanken zu diesem Thema?
Valerija: Ich persönlich habe das nie ausschließlich als Nachteil empfunden. Im Gegenteil, ein Augenzwinkern sei erlaubt: Manchmal denke ich mir, dass weniger „Zickenkrieg“ auch seine Vorteile hat. 😊

Spaß beiseite: Für mich ist nicht entscheidend, wie viele Frauen oder Männer in einem Team arbeiten, sondern wie respektvoll und offen miteinander umgegangen wird. Ich habe die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen als hilfsbereit, kompetent und sehr angenehm erlebt.

Natürlich würde ich mich freuen, wenn sich künftig mehr Mädchen und Frauen für technische Berufe begeistern. Nicht weil Frauen „fehlen“, sondern weil niemand aufgrund von Klischees auf einen Beruf verzichten sollte, der ihm oder ihr Freude bereitet. Vielfalt bringt unterschiedliche Perspektiven mit sich und bereichert jedes Team.

WIT: Was verbindet dich mit Frauen in der Technik?
Valerija: Mich verbindet mit vielen Frauen in der Technik vor allem der Mut, den eigenen Weg zu gehen, sowie die Begeisterung und Neugier, Neues zu lernen und Herausforderungen anzunehmen.

WIT: Bitte beschreibe eine herausfordernde Situation, der du in deinem Beruf in der Vergangenheit begegnet bist.
Valerija: Ein Mann sagte einmal zu mir, Männer seien grundsätzlich intelligenter und leistungsfähiger als Frauen. Ich war so überrascht, dass ich zunächst sprachlos war. Als Wissenschaftlerin dachte ich, ich müsste sofort mit Studien und Zahlen argumentieren können.

Heute würde ich einfach sagen: „Das stimmt nicht.“ Nicht jede unbegründete Behauptung verdient eine wissenschaftliche Diskussion.

WIT: Wohin möchtest du dich zeitnah beruflich und persönlich weiter entwickeln?
Valerija: Beruflich möchte ich mein Wissen aus der Forschung künftig in einem renommierten Unternehmen einbringen. Besonders interessieren mich Tätigkeiten im technischen Bereich der Forschung und Entwicklung oder als Data Analyst. Mich begeistert es, komplexe Daten zu analysieren und daraus Erkenntnisse zu gewinnen, die als Grundlage für fundierte Unternehmensentscheidungen dienen.

Persönlich möchte ich neugierig bleiben, mich kontinuierlich weiterentwickeln und Beruf und Familie weiterhin gut miteinander vereinbaren.

WIT: Wer sind deine persönlichen oder beruflichen Role Models?
Valerija: Meine größten Vorbilder sind die starken Frauen in meiner Familie. Sie haben mir vorgelebt, unabhängig, selbstbewusst und eigenständig zu sein. Von ihnen habe ich gelernt, meinen eigenen Weg zu gehen, an mich zu glauben und meine Ziele mit Ausdauer und Leidenschaft zu verfolgen.

Neben meiner wissenschaftlichen Tätigkeit engagiere ich mich auch privat für Themen, die mir am Herzen liegen. Als Autorin schreibe ich zweisprachige Kinderbücher auf Deutsch und Serbisch, um Kindern mit serbischen Wurzeln ihre Sprache, Kultur und Traditionen näherzubringen. Damit möchte ich Familien dabei unterstützen, ihre Herkunft lebendig zu halten und die Freude an der Mehrsprachigkeit zu fördern.

Außerdem freue ich mich immer, wenn ich Mädchen und junge Frauen für MINT-Berufe begeistern kann. Wenn mein Weg zeigt, dass man auch ohne Vorbilder oder Programmierkenntnisse aus der Kindheit in der Wissenschaft erfolgreich sein kann, dann hat sich das Erzählen meiner Geschichte bereits gelohnt.

Vielen Dank für das Interview, Valerija!

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Hanni Liebler
Ob Frontend oder Backend – Hauptsache Code! Wenn ich nicht gerade Typescript zähme, spiele ich Klavier und Bass, versinke in Büchern oder streife durch die Natur auf der Suche nach Inspiration und Heilkräutern. Technik trifft Tasten, Tastatur trifft Tannenduft – Always Look on the Bright Side of Life!
 

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