Interview mit Jülide Kaya, Rechtsanwältin IT-Recht

ca. 9 Min.

WIT: Hallo, Jülide, Bitte erzähle uns doch einmal kurz von dir persönlich.
Jülide: Mein Name ist Jülide Kaya. Ich komme ursprünglich aus dem Rheinland, habe dann Jura in Bonn studiert und arbeite und lebe jetzt im wunderschönen Köln.

WIT: Was machst du beruflich?
Jülide: Ich bin Rechtsanwältin und mein Fokus liegt auf der Beratung in Fragen des IT-Rechts, des Datenschutzes und der Digitalisierung. Zudem berate ich auf den Gebieten des Social-Media-Rechts und des Gaming-Rechts. Ich bin darüber hinaus zertifizierte Data Protection Officer und neben meinem Beruf als Anwältin Lehrbeauftragte für Rechtsfragen der Digitalisierung.

WIT: Was genau versteckt sich hinter deiner Berufsbezeichnung?
Jülide: Im Kern mache ich das, was Anwältinnen schon immer gemacht haben: Ich sorge dafür, dass meine Mandanten rechtlich auf der sicheren Seite stehen. Nur dass mein Spielfeld eben kein klassisches ist. Im IT-Recht geht es um Verträge, Haftungsfragen und Streitigkeiten rund um Software, Systeme und digitale Dienstleistungen – also alles, was passiert, wenn Technik auf Geschäft trifft und es plötzlich kompliziert wird. Im Datenschutz berate ich Unternehmen dabei, wie sie mit personenbezogenen Daten rechtssicher umgehen. Das fängt bei der Datenschutzerklärung auf der Website an und hört bei komplexen DSGVO-Prozessen auf.
Die Digitalisierung sorgt dafür, dass es immer neue Regulatorik gibt, was es für Unternehmen schnell unübersichtlich macht. Ich helfe dabei, das einzuordnen und Geschäftsmodelle so aufzustellen, dass sie rechtlich tragfähig sind.

WIT: Wie bist du dazu gekommen, einen technischen Beruf zu wählen?
Jülide: Rechtsanwältin wollte ich schon werden, als ich noch ein kleines Kind war. Ich habe das sogar in Freundebücher geschrieben: „Was willst du später mal werden“ – „Anwältin“.
Der digitale Einschlag kam dann im Studium, als ich meinen Schwerpunkt in diese Richtung gewählt habe, weil ich die Dynamik und den Wandel in diesem Bereich spannend und interessant fand.

WIT: Wer oder was hat dich am meisten inspiriert, einen technischen Beruf zu wählen?
Jülide: Als Millennial habe ich diesen Wandel hautnah miterlebt, von „schnell raus aus dem Internet, das kostet sonst zu viel“ über ICQ bis hin zu globalen Plattformen wie Facebook. Ich habe gesehen, wie aus einer Spielerei ein gesellschaftliches Phänomen wurde, was nicht mehr wegzudenken ist. Und irgendwann war klar: Das hat rechtliche Konsequenzen, die noch niemand so richtig durchdacht hat. Da wollte ich dann mitspielen.

WIT: Hat dich Technologie und/oder Programmieren schon immer interessiert?
Jülide: Technologie ja, definitiv. Ich kann aber nicht Coden und das war auch nie mein Ding. Mich hat eher fasziniert, was Technologie mit uns macht, wie sie das Recht, die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Kommunikation verändert. Das ist ein anderer Blickwinkel als der einer Entwicklerin beispielsweise.

WIT: Haben deine Eltern und Lehrer deine Vorliebe und dein Interesse für Technik gefördert?
Jülide: Ich war schon immer schlagfertig und konnte diskutieren – der Weg zur Anwältin hat sich da fast von selbst ergeben. Den IT-Einschlag habe ich mir selbst gesucht, aber meine Eltern haben das immer unterstützt und gefördert. Das war keine Selbstverständlichkeit und dafür bin ich heute noch dankbar.

WIT: Was gefällt dir an deiner Tätigkeit am meisten?
Jülide: Die Vielfalt. Kein Tag ist wie der andere: Neue Sachverhalte, neue Regulatorik, neue Technologien, die Mandanten reichen von Großunternehmen zu kleinen Start-Ups. Alles entwickelt sich so schnell, dass man sich ständig neu fragen muss: Was bedeutet das jetzt konkret für ein Unternehmen, für einen Prozess, für einen Vertrag? Das finde ich bis heute nicht langweilig. Und die Lehrtätigkeit finde ich toll, weil ich gerne mit Menschen kommuniziere.

WIT: Was ist für dich das Schönste an deinem Arbeitsalltag?
Jülide: Wenn Mandanten am Ende verstehen, warum wir bestimmte Dinge so machen müssen und nicht einfach nur nicken, weil ich Anwältin bin. Ich liebe es, digitale Fragen so zu erklären, dass sie jeder versteht. Hört mich mein Handy ab? Darf ich in Deutschland eine Dashcam nutzen? Was bedeutet Datenschutz überhaupt? Das sind Fragen, die viele beschäftigen und wenn jemand den Raum verlässt und es wirklich verstanden hat, dann ist das für mich das Beste an diesem Job.

WIT: Wo findet man dich in der Freizeit am ehesten?
Jülide: Mit Freunden und Familie, beim Essen, im Kino oder in einem Museum. Und wenn es mal ruhiger sein soll, findet man mich entweder einen Podcast hörend (True Crime!), beim Gaming oder irgendwo in den Tiefen von Social Media. Analog und digital eben, wie es sich für eine IT-Anwältin gehört;)

WIT: Welche Botschaft möchtest du Frauen oder Mädchen mitgeben, die sich für Technik interessieren?
Jülide: Nehmt euch euren Raum. Uns wird oft suggeriert, dass Technik und IT nichts für Frauen sind. Als junge Anwältin im IT-Bereich und noch dazu mit Migrationshintergrund werde ich bis heute deshalb manchmal unterschätzt. Ich bin oft die einzige Frau in einem Raum voller Männer. Aber sich klein machen war für mich nie eine Option. Im Gegenteil, ich nehme mir meinen Raum ganz bewusst. Und am Ende überzeugt man die Leute durch ein selbstbewusstes Auftreten und Leistung.

WIT: Welchen Ratschlag verfolgst du bis heute?
Jülide: Mein Vater hat mir früh mitgegeben: „Du musst immer wissen, wo die Hintertüre ist.“ Das bedeutet, dass man nie in einer Situation stecken bleiben sollte, aus der man nicht mehr rauskommt. Das hat mich geprägt. In meinem Beruf bedeutet das: Ich denke immer einen Schritt weiter, sehe Risiken, bevor sie entstehen und habe einen Plan B und meistens auch noch einen Plan C.

WIT: Welchen Herausforderungen begegnest du speziell als Frau in deinem Beruf?
Jülide: Die größte Herausforderung ist oft gar nicht die Technik oder das Recht an sich, das Verständnis dafür kann man sich aneignen. Es ist eher das Drumherum. Du kommst in einen Raum, setzt dich an den Tisch, und bist erstmal die einzige Frau in einer großen Verhandlungsrunde. Und dann merkst du ziemlich schnell, dass du dich ein kleines bisschen mehr beweisen musst als andere.

WIT: Welche Tipps hast du für Bewerbungsgespräche für technische Positionen?
Jülide: Alle kochen nur mit Wasser. Zeige Präsenz und Interesse. Wenn du etwas weißt, dann sag es, wenn nicht, dann sei offen diesbezüglich, aber zeige, wie du das Problem lösen würdest. Praktisch sind auch Erfahrungen durch Praktika im digitalen Bereich und gut gewählte Referendarstationen, das zeigt, dass dich der digitale Bereich wirklich interessiert.

WIT: Frauen in technischen Berufen sind ja leider noch eine Minderheit. Was sind deine Gedanken zu diesem Thema?
Jülide: Ich sehe das inzwischen nicht mehr nur als Nachteil, sondern als Chance. Du fällst auf, aber das kannst du für dich nutzen. Wichtig ist, dass du dich etablierst: Fachlich sauber arbeiten, Erfahrungen sammeln, Networken, gerade auch in Nischen, wo nicht alle sofort unterwegs sind und dir damit so dein Standing aufbauen.

WIT: Was verbindet dich mit Frauen in der Technik?
Jülide: Das Gefühl, sich beweisen zu müssen, obwohl man einfach nur seinen Job macht. Wir haben alle irgendwann entschieden, in einem Bereich zu bleiben, der uns nicht immer mit offenen Armen empfangen hat. Und genau deshalb ist es mir wichtig, andere Frauen zu unterstützen und sichtbar zu machen.

WIT: Bitte beschreibe eine herausfordernde Situation, der du in deinem Beruf in der Vergangenheit begegnet bist.
Jülide: Eine Situation, die mir tatsächlich immer wieder begegnet ist: Mein Name wird oft falsch ausgesprochen, selbst nachdem ich ihn einmal korrigiert habe. Klingt erstmal banal, ist es aber nicht, weil es schnell zeigt, wie aufmerksam jemand wirklich ist. Gerade in Verhandlungen kann so etwas auch eine Taktik sein. Früher habe ich das eher übergangen, heute spreche ich es direkt an, freundlich, aber klar und auch in größeren Runden. Das ist so ein kleiner Moment, in dem ich für mich selbst einstehe, ohne daraus ein Drama zu machen. Und genau solche Situationen trainieren am Ende auch die Präsenz und die Außenwahrnehmung.

WIT: Wohin möchtest du dich zeitnah beruflich und persönlich weiter entwickeln?
Jülide: Fachlich reizt mich gerade besonders die Schnittstelle von Recht und Social Media, also Themen wie Plattformregulierung, Content-Moderation, Datenschutz. Da passiert unglaublich viel, und ich finde es spannend, nicht nur rechtlich zu begleiten, sondern auch ein Gefühl dafür zu bekommen, wie diese Plattformen tatsächlich funktionieren.
Persönlich geht es mir vor allem darum, meinen eigenen Stil als Anwältin weiterzuentwickeln und mich nicht davon verunsichern zu lassen, wenn ich vielleicht nicht dem klassischen Bild entspreche.

WIT: Wer sind deine persönlichen oder beruflichen Role Models?
Jülide: Meine persönlichen Role Models sind meine Eltern. Sie sind die Generation zwischen Tradition und Entwicklung und haben mir den Weg geebnet, meinen eigenen Weg zu wählen und zu gehen.

Ein berufliches Role Model für mich war Frau Prof. Louisa Specht-Riemenschneider. Ich hatte in der Uni davor fast nur männliche Professoren und dann kommt sie in den Hörsaal und bringt einfach eine ganz andere Energie mit. Ich fand es ehrlich gesagt einfach nur cool: Sie hatte diesen Drive, war super smart und dabei immer stilvoll gekleidet. Da hatte ich zum ersten Mal so richtig den Gedanken: Okay, genau so will ich später auch auftreten.

Nachdem mich auch meine Studierenden immer wieder darauf angesprochen haben, wage ich jetzt den Schritt ins Social Media Game und starte meinen TikTok Kanal „Jura and Juice“. Da will ich vor allem digitale Rechtsthemen und rechtliche Mythen verständlich erklären. Ich freue mich da schon sehr drauf, weil es nochmal eine ganz andere Challenge ist, vor einer Kamera zu sitzen und zu reden als vor Mandanten oder Studierenden. Wer mich auf diesem Weg begleiten will, ist herzlich eingeladen, meinem Kanal zu folgen!

Vielen Dank für das Interview, Jülide! 

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Hanni Liebler
Ob Frontend oder Backend – Hauptsache Code! Wenn ich nicht gerade Typescript zähme, spiele ich Klavier und Bass, versinke in Büchern oder streife durch die Natur auf der Suche nach Inspiration und Heilkräutern. Technik trifft Tasten, Tastatur trifft Tannenduft – Always Look on the Bright Side of Life!
 

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