{"id":17551,"date":"2023-06-23T18:39:31","date_gmt":"2023-06-23T16:39:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.womenintechev.de\/?p=17551"},"modified":"2024-08-05T21:17:20","modified_gmt":"2024-08-05T19:17:20","slug":"interview-mit-emanuela-haberl-full-stack-software-entwicklerin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.womenintechev.de\/en\/interview-mit-emanuela-haberl-full-stack-software-entwicklerin\/","title":{"rendered":"Interview mit Emanuela Haberl, Full Stack Software Entwicklerin"},"content":{"rendered":"<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Hallo, Emanuela, Bitte erz\u00e4hle uns doch einmal kurz von dir pers\u00f6nlich<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Hallo! Ich hei\u00dfe Emanuela und bin Software Creative in Wien.<br \/>\nIch habe technische Mathematik studiert, war 10 Jahre lang im Risikomanagement in Banken t\u00e4tig und habe dazwischen ein Jahr in New York auf der Uni gearbeitet. Dann habe ich als Quereinsteigerin in die IT Branche gewechselt. Ich bin verheiratet und habe eine 8 j\u00e4hrige Tochter.<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Was machst du beruflich?<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> In der IT ist meine offizieller Arbeitstitel &#8220;Full Stack Software Entwicklerin&#8221;.<br \/>\nIch selbst bezeichne mich gerne als &#8220;Software Creative&#8221;.<br \/>\nDa ich den kreativen und kommunikativen Aspekt davon mehr hervorstreichen m\u00f6chte. Au\u00dferdem haben viele Leute noch immer das Bild der einsam im Kammerl vor sich hinprogrammierenden Person im Kopf &#8211; dabei stimmt das so gar nicht!<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Was genau versteckt sich hinter deiner Berufsbezeichnung?<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Ich decke als Allrounderin alles ab: vom Gespr\u00e4ch mit der Kund:in zu den W\u00fcnschen, was die Software k\u00f6nnen muss, \u00fcber die \u00dcberlegungen zur Umsetzung (welche Modelle, welche Programmiersprache, welche Frameworks, etc) bis hin zur tats\u00e4chlichen Implementierung von Front End und Back End. Dazu geh\u00f6rt aber auch Tests zu schreiben &amp; zu pflegen (wie zb Unittests &amp; Webtests), als auch um R\u00fcckfragen vom Kund:innen oder Supportmeldungen zu k\u00fcmmern.Mir ist es ein gro\u00dfes Anliegen, Software so zu gestalten, dass die User:innen eine Erleichterung haben. User Interface und User Experience sind wichtige Themen f\u00fcr mich und da versuche ich einerseits mir Wissen anzueignen auf dem Gebiet, als auch einfach im Gespr\u00e4ch mit Kund:innen herauszufinden, wie die Software verwendet wird, um es noch besser an die Bed\u00fcrfnisse anpassen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nDas ist ein sehr dynamischer, agiler, kreativer und kommunikativer Prozess. Und nicht nur rein technisch.<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Wie bist du dazu gekommen, einen technischen Beruf zu w\u00e4hlen?<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Ich habe eigentlich nie einen konkreten technischen Beruf gew\u00e4hlt oder als Berufswunsch gehabt.Ich habe in der Schule immer gesagt: &#8220;ich m\u00f6chte einmal etwas mit Mathematik oder Informatik machen&#8221; und dann habe ich den jeweils n\u00e4chsten Ausbildungsschritt (Oberstufe Realgymnasium und dann das Studium &#8220;Technische Mathematik&#8221;) rein nach Interesse gew\u00e4hlt, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, was ich beruflich sp\u00e4ter damit machen kann\/m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Ich habe dann nach dem Studium 10 Jahre in Banken im Risikomanagement gearbeitet. Dort kommen Themen aus Mathematik, Informatik und Wirtschaft zusammen. Ich habe jedoch immer mehr die IT-Themen \u00fcbernommen und wollte mich darauf konzentrieren. Und dann erst hatte ich den konkrete Berufswunsch zur Software Entwicklerin.<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Wer oder was hat dich am meisten inspiriert, einen technischen Beruf zu w\u00e4hlen?<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Meine Liebe zum R\u00e4tsel l\u00f6sen und dass ich mich in Probleme reinh\u00e4ngen und alles um mich vergessen kann.<br \/>\nIch hatte keine Vorbilder &#8211; ich wollte einfach nur das machen, was mir Freude bereitet.<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Hat dich Technologie und\/oder Programmieren schon immer interessiert?<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Mir hat Mathematik in der Schule schon immer Spass gemacht und hatte fr\u00fch Kontakt zu Computern. Mein Vater war sehr interessiert an Computern und so hatten wir schon in den 80ern einen Computer daheim und in den 90ern war ich die erste in meiner Klasse, die Internet zu Hause hatte. Ich hatte freien Zugang zu den Ger\u00e4ten und hatte daher keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste. Mit dem Programmieren selbst hab ich in der Schule mit dem Wahlpflichtfach Informatik mit 16 Jahren angefangen.<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Haben deine Eltern und Lehrer deine Vorliebe und dein Interesse f\u00fcr Technik gef\u00f6rdert?<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Mit wurde von meinen Eltern von klein auf an vermittelt, dass ich als M\u00e4dchen alles genauso machen kann wie Buben auch.<\/p>\n<p>Bei Lehrer:innen bekam ich gemischtes Feedback: Manche haben es total unterst\u00fctzt und gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Von anderen hingegen habe ich den &#8220;Ratschlag&#8221; bekommen, ich m\u00f6ge doch eher einen Lehrberuf ergreifen, da dieser sp\u00e4ter als Mutter besser mit Familie zu vereinbaren sei. Oder ich wurde gefragt, ob ich wirklich ein technisches Studium machen m\u00f6chte &#8211; das sei ja so schwierig.<br \/>\nDas hat allerdings eher eine Trotzreaktion in mir ausgel\u00f6st, um zu zeigen, dass es sehr wohl geht.<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Was gef\u00e4llt dir an deiner T\u00e4tigkeit am meisten?<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Ich liebe es, R\u00e4tsel zu l\u00f6sen! Da kann ich mich in der Software Entwicklung voll ausleben.<\/p>\n<p>Weiters finde ich es gro\u00dfartig, wenn ich bei den User:innen sehe, wie sehr sie sich \u00fcber die Software freuen, weil es ihnen Arbeit abnimmt\/erleichtert. Das ist das beste Feedback, das ich bekommen kann!<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Was ist f\u00fcr dich das Sch\u00f6nste an deinem Arbeitsalltag?<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Ich genie\u00dfe die Vielfalt: einerseits ist jedes Projekt einzigartig und spannend und andererseits gibt es so viele Frameworks\/Programmiersprachen\/Tools, die man ausprobieren kann. Ich kann mich auch phasenweise nur zB im Front End vertiefen und danach wieder woanders einen Schwerpunkt setzen.<br \/>\nIch bestimme meinen Arbeitsalltag sehr stark mit!<br \/>\nIch arbeite zumeist remote von daheim, kann aber jederzeit ins B\u00fcro fahren oder mich mit Kolleg:innen in einem Shared-Office treffen (unser Team ist auf zwei St\u00e4dte verteilt).<br \/>\nIch habe eine 8 j\u00e4hrige Tochter und da hilft es sehr, dass ich arbeiten kann wann &amp; wo &amp; wie ich will.<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Wo findet man dich in der Freizeit am ehesten?<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Mit meiner Familie unterwegs oder beim Tanzen.<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> Welche Botschaft m\u00f6chtest du Frauen oder M\u00e4dchen mitgeben, die sich f\u00fcr Technik interessieren?<br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Jeder kocht nur mit Wasser! Nicht abschrecken lassen von Blendern!<br \/>\nWenn es dich interessiert, dann schaffst du es auch! Technik ist so ein breit gef\u00e4chertes Gebiet mit allen M\u00f6glichkeiten von rein theoretisch bis zu den Anwendungen. Man muss kein Nerd sein, um in der Technik zu arbeiten &#8211; ganz im Gegenteil.<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Welchen Ratschlag verfolgst du bis heute?<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Wenn dich etwas st\u00f6rt, dann \u00fcberlege, ob du dich damit abfinden kannst\/m\u00f6chtest oder nicht.<br \/>\nWenn nicht, dann \u00e4ndere es!<br \/>\nJammern und warten bis etwas passiert funktioniert nicht. Aktiv werden hingegen schon.<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Welchen Herausforderungen begegnest du speziell als Frau in deinem Beruf?<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Ich habe viele Jahre als einzige Frau in einem sonst reinen M\u00e4nnerteam gearbeitet. Ich wollte aber nie eine Quotenfrau sein &#8211; gef\u00fchlt hat mir das Kompetenzen abgesprochen, und nur aufgrund des Frau-seins den Job bekommen zu haben.<br \/>\nIch hatte dadurch das Gef\u00fchl, mich st\u00e4ndig beweisen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Einerseits m\u00f6chte ich nicht st\u00e4ndig darauf reduziert werden, eine Frau in einem technischen Beruf zu sein. Andererseits sehe ich bei meiner Tochter, wie wichtig es f\u00fcr sie ist, weibliche Vorbilder in allen Berufsgruppen zu haben.<\/p>\n<p>Wenn ich ihr sage, sie kann alles machen\/werden, was sie m\u00f6chte, dann ist ihre Antwort: &#8220;Okay, zeig mir ein Beispiel!&#8221;.<br \/>\nUnd daher bin ich zwiegespalten, dass ich einerseits im Beruf als Individuum wahrgenommen werden m\u00f6chte und andererseits als Frau in der IT aktiv sichtbar werde, damit die n\u00e4chste Generation viele Beispiele f\u00fcr Frauen in allen Berufsgruppen hat.<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Welche Tipps hast du f\u00fcr Bewerbungsgespr\u00e4che f\u00fcr technische Positionen?<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Verkaufe dich nie unter deinem Wert!<\/p>\n<p>Recherche vorher ist das A &amp; O!<br \/>\nSpeziell bei Gehaltsverhandlungen! Immer versuchen rauszufinden, was so die Gehaltsspanne ist f\u00fcr die Position mit deiner Berufserfahrung. Und dann da ein bisschen noch draufgeben (die werden dann sowieso runtergehandelt und dann hat man eher Chancen bei seinem Wunschgehalt zu landen).<\/p>\n<p>Ansonsten: ist der Job ein gutes Sprungbrett in eine zuk\u00fcnftige Wunschposition um den Fu\u00df in die T\u00fcr zu bekommen und ist es einem eine Gehaltseinbu\u00dfung wert? Oder ist das Arbeitsklima\/Work-Life-Balance so toll, dass man lieber Lebensqualit\u00e4t hat als mehr Geld.<\/p>\n<p>Ich habe sowohl hart verhandelt (und in 3 Jobs auch mehr verdient als m\u00e4nnliche Kollegen), als auch bewusst Jobs genommen, die weniger gut gezahlt haben, weil sie wegweisend f\u00fcr mein Berufsziel waren.<br \/>\nDas muss man f\u00fcr sich selbst entscheiden.<\/p>\n<p><strong>WIT: Frauen in technischen Berufen sind ja leider noch eine Minderheit. Was sind deine Gedanken zu diesem Thema?<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Solange es in Bekleidungsgesch\u00e4ft Buben\/M\u00e4dchen Abteilungen gibt mit blau\/schwarz\/harten Motiven auf der einen und rosa\/glitzer\/putzig auf der anderen Seite, und sich die Kinder im Kindergarten schon gegenseitig sozialisieren mit M\u00e4dchen\/Buben-Spielzeug und M\u00e4dchen glauben sie d\u00fcrfen nur R\u00f6cke tragen, dann brauchen wir uns nicht wundern, wenn sich sp\u00e4ter die M\u00e4dchen auch nur f\u00fcr die klischeebehafteten M\u00e4dchenberufe entscheiden.<\/p>\n<p>Dass M\u00e4dchen und Buben die gleichen Chancen und M\u00f6glichkeiten haben und diese auch ergreifen k\u00f6nnen, f\u00e4ngt schon im Kleinkindalter an bzw wird man teilweise schon dort verunm\u00f6glicht.<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Bitte beschreibe eine herausfordernde Situation, der du in deinem Beruf in der Vergangenheit begegnet bist.<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Ich habe immer deutlich j\u00fcnger ausgesehen. Ich hatte mehrmals die Situation mit etwa 25 Jahren in Meetings zu sitzen und wurde von anwesenden M\u00e4nnern (die mich nicht gekannt haben), f\u00fcr die 14 j\u00e4hrige Praktikantin gehalten und wurde auch einmal um Kaffee gebeten.<\/p>\n<p>Ich habe dies dann aber auch zu meinem Vorteil genutzt: Wenn es um wichtige Entscheidungen ging und ein Mann (der mich nicht gekannt hat) sehr dominant seine Punkte vorgetragen hat, dann habe ich in Ruhe abgewartet, mir Notizen gemacht um seine Aussagen zu entkr\u00e4ftigen und dann gegen Ende, als er sich in Sicherheit wiegte, hab ich dann angefangen, meine Gegenposition vorzubringen.<br \/>\nDer \u00dcberraschungseffekt war auf meiner Seite, er war \u00fcberrumpelt und ich konnte so meine Punkte durchbringen. Ich habe gelernt mein junges Aussehen zu meinem Vorteil statt Nachteil zu nutzen.<\/p>\n<p>Ich bin sehr froh mittlerweile diese Strategiespiele nicht mehr notwendig zu haben und auf Augenh\u00f6he mit allen reden zu k\u00f6nnen, weil ich einerseits in einem respektvollen, gleichberechtigten Arbeitsumfeld nun bin &#8211; und auch weil es mit mittlerweile 41 Jahren egal ist, ob man ein paar Jahre j\u00fcnger aussieht.<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Wohin m\u00f6chtest du dich zeitnah beruflich und pers\u00f6nlich weiter entwickeln?<\/strong><br \/>\n<strong>Emanuela:<\/strong> Ich genie\u00dfe meinen momentanen Zustand nicht auf ein Ziel hinzuarbeiten, sondern das Jetzt zu genie\u00dfen. Es f\u00fchlt sich gut an, nicht die n\u00e4chsten 10 Jahren vorgeplant zu haben, sondern neugierig zu schauen, wo es mich hinverschl\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong>WIT:<\/strong> <strong>Vielen Dank f\u00fcr das Interview, Emanuela!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>WIT: Hallo, Emanuela, Bitte erz\u00e4hle uns doch einmal kurz von dir pers\u00f6nlich Emanuela: Hallo! Ich hei\u00dfe Emanuela und bin Software Creative in Wien. Ich habe technische Mathematik studiert, war 10 Jahre lang im Risikomanagement in Banken t\u00e4tig und habe dazwischen ein Jahr in New York auf der Uni gearbeitet. 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