{"id":12136,"date":"2020-11-25T20:54:45","date_gmt":"2020-11-25T19:54:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.womenintechev.de\/?p=12136"},"modified":"2021-01-26T11:46:40","modified_gmt":"2021-01-26T10:46:40","slug":"warum-braucht-es-women-in-tech-ein-oekonomischer-blickwinkel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.womenintechev.de\/en\/warum-braucht-es-women-in-tech-ein-oekonomischer-blickwinkel\/","title":{"rendered":"Warum braucht es Women in Tech? Ein \u00f6konomischer Blickwinkel"},"content":{"rendered":"<p>In Deutschland sind vor allem Frauen von Altersarmut betroffen, nicht mehr als <a href=\"https:\/\/www.bmfsfj.de\/blob\/83858\/928434dae7d841aadc5d2b0ef137573b\/20160307-studie-mitten-im-leben-data.pdf\">10 Prozent der heute 30 bis 50-j\u00e4hrigen Frauen verdienen mehr als 2000 Euro<\/a> netto pro Monat. Wenn man nun von einer optimistischen Rente von 60 Prozent dieses Gehalts ausgeht, bleiben einer zuk\u00fcnftigen Rentnerin nach Steuern wohl nicht allzu viel mehr als die bislang hei\u00df debattierte Grundsicherung aka das bedingungslose Grundeinkommen. Ein Leben lang gearbeitet und nicht viel dabei rumgekommen? Nicht so gut.<\/p>\n<p>Zugleich gibt es einen gro\u00dfen Markt gutbezahlter Berufe, die technische Kenntnisse voraussetzen. Ein Ingenieurs- oder Informatikstudium oder eine Ausbildung zur Technikerin bieten eine solide und langfristig nachgefragte Existenz. Geh\u00e4lter beginnen bei 50 000 Euro brutto pro Jahr, nicht selten lassen sie sich aufs doppelte steigern. Als Selbstst\u00e4ndige oder Unternehmerin stehen die Weichen noch besser.<\/p>\n<p>Zudem gibt es durchaus eine gro\u00dfe Anzahl an Unternehmen, die gerne Frauen in technischen Berufen einsetzen w\u00fcrden. Bei gleicher Qualifikation und entsprechendem Einsatz sind die Ampeln also auf dunkelgr\u00fcn mit extra Bonus geschaltet. Freie Fahrt, auf geht\u2019s! Oder nicht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wo liegt also das Problem, warum haben wir es mit einer so enormen Geschlechterdiskrepanz in diesen Berufen zu tun?<\/strong><\/p>\n<p>Frauen tragen in immer mehr \u00f6ffentlichen Bereichen Verantwortung, sei es durch F\u00fchrungspositionen in Unternehmen, politischen \u00c4mtern oder als Unternehmerinnen, Influencerinnen oder sonstigen wirksamen T\u00e4tigkeiten. Was mittlerweile selbstverst\u00e4ndlich erscheint war es lange nicht. Und in vielen Bereichen sind wir in Deutschland auch noch n\u00e4her an steinzeitlichen Verh\u00e4ltnissen dran als am 21. Jahrhundert. So sind Frauen insbesondere in technischen Ausbildungen, Studieng\u00e4ngen, Berufen und entsprechenden Spitzenpositionen noch deutlich unterrepr\u00e4sentiert. Der Wandel hin zu mehr Diversit\u00e4t gelingt schleppend und wird von vielen Seiten in Frage gestellt, manchmal geradezu blockiert.<\/p>\n<p>Vor allem mangelt es am entsprechend sichtbaren \u201eAngebot\u201c an f\u00e4higen Frauen, die k\u00f6nnen, wollen und hinkommen. Von staatlicher Seite wird viel getan. Ein F\u00f6rdertopf hier, ein kostenloses Bildungspaket dort. Hier ein Netzwerk, da ein Verein, so viele Papiere die geschrieben werden. Und doch geht es nur langsam voran.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu anderen L\u00e4ndern wie Frankreich oder Schweden herrscht in Deutschland in vielen K\u00f6pfen ein sehr starres Denken vor. Bei M\u00e4nnern und bei Frauen. Schnell kommt das Argument mit Teilzeitarbeit der Frau, eine(r) muss sich ja ums Kind k\u00fcmmern. F\u00fcr viele Frauen scheint es weiterhin selbstverst\u00e4ndlich einen gr\u00f6\u00dferen Part zu \u00fcbernehmen, M\u00e4nnern wird sonst gerne das Weicheiertum unterstellt. (Mein ehemaliger Chef am Fraunhofer wurde beispielsweise von seinen Kollegen f\u00fcr die gleiche Aufteilung der Elternzeit ausgelacht, ein anderer Chef bei einem gro\u00dfen Energiekonzern hatte nicht mal Zeit bei der Geburt des eigenen Kindes dabei zu sein). Der Mann verdiene ja mehr, steuerlich mache es Sinn, eine Mutter geh\u00f6re zum Kind (oder andersrum?). Blablabla\u2026Immer die gleiche Leier. Es ist verst\u00e4ndlich, nachvollziehbar und doch aus Sicht einer \u00d6konomin ungerecht.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Karriere oder ein gutes Gehalt braucht es den entsprechenden zeitlichen Einsatz. Wer nicht gerade geerbt hat erwirbt dies im Laufe der Zeit. Zeit mit Kindern wird dabei nur verrechnet, wenn man einen entsprechenden Beruf ergreift, wo wir wieder am Anfang des Textes stehen.<\/p>\n<p>Warum sollte denn nicht alles beim Alten bleiben d\u00fcrfen? Warum ben\u00f6tigen wir denn so dringen ein Umdenken? Wem wollen wir es denn unbedingt recht machen? Ganz einfach: uns selbst. Wir wollen eine langfristig stabile und gesunde Gesellschaft in der sowohl Frauen wie M\u00e4nner zu unserem selbst geschaffenen Wohlstand beitragen. Und wir wollen alle an der L\u00f6sung globaler Herausforderungen wie dem Klimawandel, der Globalisierung oder der Digitalisierung partizipieren, die Forschung an und die L\u00f6sung von Krankheiten sind nur mit einer entsprechend technischen Bildung l\u00f6sbar.<\/p>\n<p>Frauen haben dazu seit Jahrhunderten einen wesentlichen Beitrag in der Wissenschaft geleistet, wenn auch nicht immer sichtbar. Man denke an Marie Curie, Ada Lovelace, Angela Merkel oder jede Frau, die sich heute auf den Weg macht diese Welt zu einer wissenden und besseren zu machen. Es mag pathetisch klingen, aber der Weg dorthin war selten einfach. Bis in die 1960er Jahre durften Frauen nicht ohne die Erlaubnis ihres Mannes arbeiten. Auch heute noch kennt jede Frau, mit der ich in den vergangenen Jahren \u00fcber dieses Thema gesprochen habe mindestens eine eigene Geschichte zur sexuellen Bel\u00e4stigung am Arbeitsplatz. Und ja, wir sind an den wichtigen Stellen immer noch unterrepr\u00e4sentiert, auch wenn sich vieles mit der Zeit zum Guten wendet.<\/p>\n<p>Je mehr Frauen relevante Positionen in unserer Gesellschaft besetzen, desto weniger Raum ist f\u00fcr eine entsprechende Diskriminierung. Nicht um gegen das andere Geschlecht zu arbeiten, sondern um Seite an Seite konstruktive L\u00f6sungen zu finden, die mehr als einer Perspektive standhalten. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass unsere Gesellschaft eine sicherere und nachhaltigere wird, wenn mehr Frauen systemrelevante Berufe ergreifen. Dazu geh\u00f6ren insbesondere auch jene mit technischem Wissen.<\/p>\n<p>Es geht also nicht darum individuelle Lebenswege in Frage zu stellen oder die grunds\u00e4tzliche Arbeitsaufteilung in einer Partnerschaft anzuzweifeln. Sondern es geht darum den Weg f\u00fcr jede individuelle Entscheidung zu ebnen, Frauen den Weg in gut bezahlte Jobs zu zeigen und diese nicht nur in der Theorie am gesellschaftlichen Wohlstand aus eigener Kraft teilhaben zu lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ok und nun bitte die L\u00f6sung zu diesem Dilemma?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe in den vergangenen 3 Jahren mit sehr vielen Menschen dar\u00fcber gesprochen. Mit StudentInnen, LehrerInnen, ProfessorInnen, UnternehmerInnen, AngestelltInnen in F\u00fchrungspositionen und vielen mehr. Mit Frauen und M\u00e4nnern, Transsexuellen, Schwulen, Lesben, Heten, mit Menschen verschiedener Hautfarbe und Religion. Am meisten habe ich mit Frauen dar\u00fcber gesprochen, insbesondere jenen, die meist alleine in einem Team von Techies unterwegs sind. Es kamen sehr \u00e4hnliche Geschichten von Diskriminierung und Ausgrenzung. Aber auch sch\u00f6nen Momenten. Viele waren froh, dass es einen Raum des Austausches gab.<\/p>\n<p>Konnten sie mir die Frage nach dem Warum beantworten? Zum Teil. Weil viele eben immer schon so waren wie sie sind, hatten sie meist bis zum Studienabschluss keinerlei Probleme auf ihrem Weg. Erst im Berufsalltag ging es dann los mit den kleinen Schikanen, mit den Spr\u00fcchen der Kollegen oder den unausgesprochenen Wahrheiten beim Positionsschubsen. Viele erz\u00e4hlten auch, dass sie schon von klein auf ein geschlechterneutrales Spielen gewohnt waren, oder insbesondere von Vater motiviert wurden sich auch mit Themen wie Technik zu besch\u00e4ftigen. Die f\u00f6rdernde, wohlmeinende Beziehung zu den Eltern stand immer wieder zur Diskussion, aber auch jene zu bestimmten LehrerInnen, ProfessoreInnen oder anderen MentorInnen. Vielen waren Geschlechterrollen auch einfach egal, sie gingen einfach ihrer Leidenschaft nach.<\/p>\n<p>Was ist nun mit jenen Frauen, denen diese Rollen nicht egal sind? Oder solchen, die ihre Leidenschaft noch nicht gefunden haben und sich noch entscheiden m\u00fcssen (zwischen dem konformen und dem \u201eanderen\u201c Weg)? Die in einem Umfeld leben, das es ihnen erschwert technische Berufe zu ergreifen oder mit ihrem Wunsch vern\u00fcnftiges Geld zu verdienen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Man kann das Thema von verschiedenen Saiten aufziehen:<\/strong><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte eine staatliche Quote fordern, einen Mindestlohn f\u00fcr bestimmte Berufe oder eine Pflichtbesetzung bestimmter Positionen mit Frauen. Damit w\u00e4re das Problem mit gedrucktem Geld und Staatsgewalt erschlagen. Nicht so schnell aber das Bild in den K\u00f6pfen der Menschen davon, was Frau darf und kann und was nicht.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte alternativ hoffen, dass Frauen von sich aus besser bezahlte Berufe ergreifen, egoistischer mit ihrer Zeit umgehen lernen und mehr Geld fordern f\u00fcr gleiche Leistung. Das bedeutet zugleich, dass jede Frau bei sich selbst beginnen muss, dazulernt, eigene Glaubenss\u00e4tze aus der Vergangenheit hinterfragt und sich anpasst. Stichwort Eigenverantwortung und Selbstbewusstsein.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte in den Schulen beginnen und dort ein anderes Geschlechterbild vermitteln. Angefangen bei Lehrerinnen, die Physik, Mathe oder Biologie unterrichten. Oder bei Sch\u00fclerinnen, denen Informatik schmackhaft gemacht wird, indem bestimmte Spiele oder Themen auf ihre Sicht angepasst werden. Wenn Lehrerinnen in F\u00fchrung gehen bei digitaler Bildung oder technischen Know-How w\u00fcrde sich wohl so manches Weltbild fr\u00fchzeitig anpassen.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte bei der elterlichen Erziehung ansetzen. M\u00e4dchen, die gut in Sprachen sind und mit Menschen umgehen k\u00f6nnen, sind nicht automatisch f\u00fcr einen \u201esozialen\u201c Beruf pr\u00e4destiniert. Genauso gut k\u00f6nnten sie LKW-Fahrerin, Pilotin, Softwarententwicklerin oder Vorstandsvorsitzende eines globalen Tech-Konzerns werden. Oder was auch immer sie verdammt nochmal werden wollen. Es sind eher die Erwachsenen, die sich von ihren Pr\u00e4gungen l\u00f6sen sollten, als dass Kinder sich ihren anzupassen haben oder ihnen gar nacheifern.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte bei den Medien ansetzen ein modernes Geschlechterbild zu zeigen. Frauen wie selbstverst\u00e4ndlich in technischen Berufen darzustellen, in Filmen, Serien, TV-Shows und \u00e4hnlichem, das w\u00e4re zeitgem\u00e4\u00df. Influencerinnen, die Computer cool finden statt nur Make-Up, YouTuberinnen die \u00fcber Luft- und Raumfahrt oder den besten Code f\u00fcr ihre Lieblings-App quatschen. M\u00e4dchen, die Wissen cool finden und dieses anwenden wollen gibt es genug. Diese auf diesem Weg zu best\u00e4rken statt Ihnen Fastfood von den immer gleichen Promis und Models vorzusetzen w\u00e4re geradezu disruptiv.<\/p>\n<p>\u201eMan\u201c k\u00f6nnte vieles tun. Letztendlich bleibt es bei einem selbst aktiv zu werden, in sich hineinzuhorchen, was man wirklich will und nachzuforschen welche Einfl\u00fcsse man von au\u00dfen an sich heranl\u00e4sst. Einen technischen Beruf zu ergreifen ist sicherlich keine schlechte Wahl, denn er bietet ein stabiles Einkommen, Sicherheit und langfristige Perspektiven. Oder man wird halt YouTuberIn. Oder beides. Ist auch egal. Macht was ihr wollt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland sind vor allem Frauen von Altersarmut betroffen, nicht mehr als 10 Prozent der heute 30 bis 50-j\u00e4hrigen Frauen verdienen mehr als 2000 Euro netto pro Monat. 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